ewwt

Bündnis EnergieWende Wiesbaden-Taunus

Das schwierige Problem der Wahrheitsfindung

Der Streit um die Energiewende

ErdeIm Jahr 1972 machte eine Gruppe von renommierten Wissenschaftlern, der sogenannte Club of Rome, die internationale Öffentlichkeit darauf aufmerksam, dass das Ökosystem der Erde auf absehbare Zeit an seine Grenzen kommen würde, wenn das Wachstum der Ressourcennutzung und die damit verbundene Umweltverschmutzung nicht gestoppt werde. Doch trotz der eindringlichen Warnung der Wissenschaftler und obwohl die Richtigkeit dieser Thesen heute kaum jemand in Frage stellt, hat sich der weltweite Verbrauch an Rohstoffen und Energie seither vervielfacht – und er steigt weiter.

Als Folge dessen hat die Verschmutzung unserer Lebenselemente Luft, Wasser und Boden weit über ein ökologisch verträgliches Maß zugenommen. Es ist wissenschaftlich bewiesen und wir alle wissen, dass unser heutiger Lebensstil nicht nachhaltig ist, und dass wir auf ökologische Katastrophen zusteuern. Die Frage ist also nicht: müssen wir umsteuern? Sondern: wie lange bleibt uns dafür noch und was müssten wir heute tun?

Ein erster Schritt und ein wichtiges Element zu einer nachhaltigen Gesellschaft ist die Energiewende, d.h. der Aufbau einer Energieversorgung mit erneuerbaren Energien. Nach langem Zögern hat Bundeskanzlerin Merkel dies im Jahr 2011 zur Chefsache gemacht. Seither sinkt die gesellschaftliche Akzeptanz für Atom- und Kohlestrom kontinuierlich. Selbst eingefleischte Gegner der Energiewende wagen es heute kaum noch, diese in der Öffentlichkeit grundsätzlich in Frage zu stellen. Oberflächlich betrachtet geht es also fast nur noch um das Wie und nicht mehr um das Ob der Energiewende.

Allerdings toben um die konkrete Umsetzung der Energiewende heftige Kämpfe und natürlich geht es dabei nicht nur um inhaltliche und fachliche Fragestellungen, sondern auch um Marktanteile, um Privilegien, scheinbare Gewohnheitsrechte und letztlich auch um Weltanschauungen. Und es geht um die Frage, auf welches Ausmaß an materiellem Wohlstand wir bereit sind, zugunsten eines umfassenderen Wohlstandsbegriffs und zugunsten einer Vorsorge für zukünftige Generationen zu verzichten.

Schutz der Umwelt oder Schutz von Interessen?

Die klassischen Energieversorger und die Unternehmen der fossilen und atomaren Energieerzeugung haben naturgemäß wenig Interesse an der Energiewende. Daher nutzen sie seit Jahren all ihre Möglichkeiten der Lobbyarbeit um die Energiewende zu behindern oder zu verzögern. Darüber hinaus hat sich in den letzten Jahren auch aus der Bürgerschaft ein Widerstand gegen die Energiewende gebildet. Diese vorwiegend aus dem lokalen Protest gegen Wind- und Biogasanlagen entstandenen Gruppen machen inzwischen auch bundesweit mit heftigen und lautstarken Protesten auf sich aufmerksam und stellen die Argumente der Energiewendebefürworter teils radikal in Frage.

Dabei legen viele Kritiker der Energiewende ein ambivalentes Verhältnis zu den erneuerbaren Energien an den Tag. Sie sprechen sich zwar prinzipiell für den Ausbau der erneuerbaren Energien aus, stimmen konkreten Maßnahmen vor Ort aber meist nicht zu. „Wir haben ja nichts gegen Windkraftanlagen, an diesem Standort sind sie aber völlig ungeeignet.“ „Wir sind auch für die Erzeugung von Biogas, aber stinkende Anlagen wollen wir hier nicht haben.“ „Wir finden Solarenergie gut, aber die hohen Kosten können wir einfach nicht verkraften“. So oder so ähnlich lauten die Argumentationen, wenn es um konkrete Projekte im Rahmen des Erneuerbare Energien Gesetzes geht. Auf diese Weise wurden in den letzten Jahren viele Vorhaben verhindert. Faktisch unterscheidet sich dieses Verhalten nur wenig von einer Fundamentalopposition.

Aus dieser individuellen Perspektive heraus sind Energiewendegegner oft nicht gewillt, mögliche oder vermutete Beeinträchtigungen durch Windenergie- und Biogasanlagen, wie z.B. Lärm, optische Beeinträchtigungen und – derzeit noch – betriebswirtschaftlich höhere Kosten, hinzunehmen. Da aber eine Begründung aus rein persönlichen Gründen in der Öffentlichkeit gewöhnlich nicht akzeptiert wird, stehen die Gegner der Energiewende vor dem Zwang, ihre Ablehnung mit scheinbar objektiven Argumenten begründen zu müssen. Die von den Energiewendegegnern aufgeführten Argumente widersprechen zwar in der Regel den Erkenntnissen und Erfahrungen der allermeisten Energieexperten, doch für die Bürger, die den fachlichen Hintergrund der komplexen energiewirtschaftlichen und energietechnischen Fragen der Energiewende nicht in ausreichender Tiefe kennen, ist bei den Diskussionen von Befürwortern und Gegnern der erneuerbaren Energien meist nicht erkennbar, wer nun Recht hat und wer ihre Interessen am ehesten vertritt.

Wer hat Recht?

Denn beide Parteien behaupten im Recht zu sein und beanspruchen, im Interesse des Allgemeinwohls und nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln. Dabei werfen sie der jeweils anderen Seite Dogmatismus, Ignoranz, Unwissenheit und das Verfolgen von Partikularinteressen vor.

Die alleinige Tatsache, dass etwas schwarz auf weiß in der Presse steht oder in anderen Medien verbreitet wird, ist für sich keine Begründung und kein Beweis. Papier ist geduldig, sagt man im Volksmund, und eine umfangreiche Würdigung aller vorgebrachten Argumente ist in der Praxis aus Zeitgründen meist nicht zu leisten.

Wie also soll der interessierte Laie erkennen, wer die besseren Argumente hat, wer wirklich Bescheid weiß und wer nur so tut als ob? Und noch schlimmer: wie soll man wissen, wer redlich ist oder wer wider besseres Wissen falsche Behauptungen aufstellt? Diese Fragen lassen sich in der Tat nur selten objektiv beantworten. Es lassen sich aber durchaus einfache Kriterien finden, die einem die Entscheidung darüber, wem man mehr und wem man weniger vertrauen sollte, erleichtern können.

Wer keine Argumente hat wird meist versuchen, negative Emotionen zu wecken indem er empörende Vermutungen in die Welt setzt, mögliche Gefahren übertreibt oder sogar erfindet und Nebensächlichkeiten zu Skandalen aufbauscht. Solche Demagogen verbreiten Angst und schüren Empörung über angeblich unerträgliche Zustände. Denn Angst macht blind und Empörung führt zu Kurzschlussreaktionen. Das verhindert den klaren Blick auf die Realität und hilft, Menschen zu Entscheidungen zu bewegen, die sie bei ausreichender Information und gründlicher Erwägung nicht treffen würden.

Wer an wirklicher Aufklärung interessiert ist, fragt nach Fakten und Hintergründen. Verantwortungsvolle Problemlösungen beziehen die Komplexität der Welt ein, sie geben nicht vor, einfache Antworten auf alles zu haben. Statt Schwarz-Weiß-Malerei beruhen gute Entscheidungen auf der Abwägung unterschiedlicher Vor- und Nachteile. Wer also nur scheinbare Nachteile bzw. nur Vorteile einer Lösung darstellt und den Rest der Auswirkungen unterschlägt, ist mit ziemlicher Sicherheit nicht vertrauenswürdig. Gleiches gilt für den, der Probleme suggeriert aber lediglich Fragen und Vermutungen in den Raum stellt ohne konkrete Hinweise und Begründungen dafür zu benennen. Skepsis ist auch angebracht, wenn verblüffend einfache Lösungen für komplizierte Zusammenhänge angeboten werden.

Muss Veränderung sein?

Die Energiewende ist ein Kompromiss und eine Abwägung zwischen verschiedenen Handlungsoptionen. Zweifelsohne sind mit der Energiewende auch weitreichende gesellschaftliche Veränderungen verbunden. Dazu gehört, dass Energieerzeugungsanlagen nicht mehr, wie bisher, zentral an wenigen Standorten und von der Mehrzahl der Menschen unbemerkt, betrieben werden, sondern dass an vielen Orten Anlagen zur Nutzung von Wind-, Solar und Bioenergie entstehen. Das hat an vielen Orten Einfluss auf das Landschaftsbild.

Veränderung erzeugt Unsicherheit und erscheint potentiell bedrohlich. Bekanntes und Vertrautes erzeugt Sicherheit und Wohlbefinden. Die Weinberge im Rheintal empfinden wir als malerisch, die damit verbundene Szenerie als schützenswert. Dass der Aufbau dieser „Kulturlandschaften“ einst einen massiven Eingriff in die Natur darstellte und eine erhebliche Veränderung des Landschaftsbildes nach sich zog, blenden wir heute gerne aus. Mit vielen anderen, lieb gewonnenen Errungenschaften verhält es sich ähnlich.

„Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“, pflegte meine Mutter mit dem ihr eigenen Humor immer zu sagen, wenn wieder mal unbequeme aber notwendige Veränderungen anstanden. Ihr war bewusst, dass wir Menschen gerne an Gewohnheiten festhalten, auch wenn uns das manchmal nicht gut tut.

Doch Wandel ist ein elementarer Teil unseres Lebens. Die Zeit lässt sich nicht aufhalten. Wenn wir uns den Veränderungen des Lebens stellen, statt uns gegen sie zu stemmen, können wir produktiv damit umgehen. Wenn wir gleichzeitig die rechte Balance zwischen Altem und Neuem halten, wenn wir die Tradition würdigen und Verantwortung für die Zukunft übernehmen, dann sind wir tendenziell auf dem richtigen Weg. Das Festhalten an starren Vorstellungen davon, wie die Welt, wie eine Landschaft auszusehen hat, ist keine segenbringende Herangehensweise um die existentiellen Probleme unserer Zeit zu lösen. Einstein sagte dazu:

„Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.“

Denn Veränderungen finden nicht nur vor der eigenen Haustür statt. Die dramatischen Eingriffe beim Braunkohleabbau oder die Verschmutzung der Gewässer und des Bodens durch die Erdölförderung verändern die Welt weit mehr, als Windkraftanlagen dies je tun können. Diese Folgen verschwinden nicht allein deshalb, weil wir sie gerade nicht wahrnehmen.

Veränderungen sind zudem relativ. Sie erscheinen je nach Blickwinkel aus einem anderen Licht. Betrachtet man sich z.B. Windkraftanlagen aus der Vogelperspektive, dann sieht man sehr schnell, dass die wirklich großen Eingriffe in die Natur von der Landwirtschaft, dem Verkehr oder dem Wohnungsbau stammen, und nicht von den wenig Fläche beanspruchenden Windkraftanlagen.

Windräder von oben - Satellitenaufnahme

Windkraftanlagen aus der Vogelperspektive

Es lohnt sich also, über das Thema Energiewende etwas weiter nachzudenken und sich nicht von vorschnellen Emotionen verwirren zu lassen. Der/die mündige Bürger/in kann sich jederzeit selbst auf den Weg zur richtigen Information machen. Wer sich über Details informieren will, findet zu jedem einzelnen Fachthema umfangreiches Material. Wer nicht selbst recherchieren kann oder möchte, sollte vertrauenswürdige Personen oder Institutionen zu Rate ziehen und vor allem nicht jede Sensationsmeldung ungeprüft glauben.

Die Energiewende ist ein gesamtgesellschaftlicher Prozess mit dem Ziel, die Lebensbedingungen für heutige und zukünftige Generationen auf der ganzen Welt zu bewahren. Sie ist eine zwingende Voraussetzung für eine nachhaltige Wirtschaft und eine Zukunft in Sicherheit und Wohlstand.

Über den richtigen Weg zu einer umweltgerechten Energieversorgung kann man im Detail streiten. Doch an den erneuerbaren Energien führt kein Weg vorbei.

Autor: Hans-Werner Greß
Print Friendly, PDF & Email